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Länderkarte Mongolei

"Berg und Steppe lagen in grellem Schwarzweiß, wie zerschlagen, in dem Meer von Scherben. Ermüdend wirkte das auf das Auge. Und ein Wind blies, der zu sägen und zu schneiden, zu sticheln und zu rupfen schien, an allem, was ihm in den Weg kam." Wortgewaltig beschreibt Galsan Tschinag, gebürtiger Mongole und Stammesoberhaupt der Tuwa, seine Heimat. Er, der lange Jahre in Deutschland gelebt hat, seine Bücher gar mehrheitlich auf Deutsch verfasst und überdies Träger verschiedener deutscher Literaturpreise ist, leiht der Mongolei eine moderne literarische Stimme.

Eine ebenso poetische Stimme gehört dem gelernten Konstanzer Drogisten und späteren Maler und Schriftsteller Fritz Mühlenweg, dem sich als 28-Jähriger die Möglichkeit eröffnete, an der letzten großen Expedition des berühmten schwedischen Forschungsreisenden Sven Hedin teilzunehmen. Dreimal reiste er in den Jahren 1927-1932 nach Zentralasien, fand keinen rechten Zugang zu seinem Chef Hedin, dafür aber umso mehr zu den Mongolen. Gleich zu Beginn vertraut er seinem Tagebuch an: „Die Mongolen sind sympathische Erscheinungen, ein wenig dreckig, aber ganz anders als die Chinesen. Sie schauen trotz ihres Alters munter in die Gegend.“ Später wird er seine Erfahrungen in märchenhafte Geschichten kleiden, die viel Erfundenes enthalten und von denen trotzdem jedes Wort wahr ist.


Wir geben zu, dass diese Geschichten im Hinterkopf immer ein wenig herumspukten, als wir die NOMAD-Tour „Gobi“ entwickelten, auch wenn Fritz Mühlenweg eigentlich weiter südlich unterwegs war. Unsere Route führt, wie der Name schon sagt, tief in die Wüste Gobi bis fast zur chinesischen Grenze. Weiter im Westen berührt sie die Sedimentfelder des Ulaan Erg, des Roten Ufers, wie die Einheimischen sagen, sucht dann die scharfgratigen Sicheldünenfelder von Chongoryn Els auf und gelangt anschließend zu den fossilträchtigen Schluchten des Nemegt-Gebirges. Zuletzt verlässt die Reise die Gobi und erreicht die spärlichen Reste der altmongolischen Reichshauptstadt Karakorum am Mittellauf des Orchon.


Das braucht seine Zeit, nicht nur, weil das Land so riesig ist. „In der Mongolei“, schreibt Fritz Mühlenweg, „ist die Zeit ein Geschenk der Götter und nur dazu da, nach Herzenslust verschwendet zu werden“. Wer würde da nicht tiefste Sympathie empfinden? Die braucht man auch, denn das Zitat hat eine Kehrseite: Wer in der Mongolei reist, braucht viel Geduld. Mit deutscher Pünktlichkeit kommt man da nicht weit. Stattdessen denken die Menschen – zumindest auf dem Land, also praktisch überall – in Wochen oder Tagen, bestenfalls in Stunden. Die Stunden tragen die Namen von Tieren. Affe, Rind oder Hahn gliedern den Lauf der Sonne, auch Drachen kennt die einheimische Zeiteinteilung und natürlich das Pferd, das wichtigste aller Tiere für ein Reitervolk wie die Mongolen. Nicht umsonst dauert die Stunde des Pferdes gleich von elf bis ein Uhr mittags. „Man trifft sich in der Stunde des Pferdes an der Wasserstelle – und wie sollte man in der Steppe präziser sein können?“ schreibt Bernd Feuchtner, noch so ein Mongolei-Enthusiast, in einer seiner lesenswerten Reportagen


Er äußert sich auch zu den Straßenverhältnissen, die aus deutscher Sicht nicht anders als katastrophal genannt werden können, aber was heißt das schon? „Wo im Winter zwischen Tag und Nacht Temperaturunterschiede von 50 Grad vorkommen, sieht eine Asphaltstraße nach zehn Jahren so aus, dass man besser neben ihr als auf ihr fährt. Zur alten Hauptstadt Karakorum, die von Dschingis Khan angelegt wurde, führt schon so eine Straße, und doch braucht man von Ulan Bator acht Stunden für die knapp 400 Kilometer.“ Da wird Fahren zur harten Arbeit, und überhaupt muss der Fahrer „auch Mechaniker sein, denn Werkstätten gibt es hier ebenso wenig wie Straßen“.

So sind eben die Verhältnisse – zum Glück, denn was wäre, wenn plötzlich überall Autobahnen aus dem Boden wüchsen? Das ist natürlich eine ausgesprochen egoistische Sicht der Dinge, sind doch die fehlenden Straßen ein grundlegendes Hindernis für die dringend notwendige wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Die hakt auch an anderen Stellen, was nicht heißt, dass die Mongolei noch so aussieht wie zu Zeiten Fritz Mühlenwegs. Im Gegenteil macht die NOMAD-Expedition deutlich, wie die Menschen versuchen, Moderne und Tradition in Einklang zu bringen.


Das zeigt sich exemplarisch an den Jurten, immer noch der Mongolen liebste Wohnung. Ger heißt sie bei ihnen, und selbst in der Hauptstadt findet man sie zuhauf. Sie haben ihr Aussehen seit Jahrhunderten nicht verändert: Das Gerüst bilden Gitter aus biegsamen Holzlatten, die sich für den Transport scherenartig zusammendrücken lassen. Darüber liegen im Winter bis zu vier Lagen Filz, die lediglich einen Dachkranz als Rauchabzug des Herdes freilassen. Die Holztür schaut grundsätzlich nach Süden. Früher hing auch hier nur ein dickes Stück Filz. Ein Zugeständnis an die Gegenwart ist vor allem das kleine Solarpaneel made in China, das fast überall zu sehen ist und unter anderem einen Fernseher betreibt. Da, wo sich die Menschen zu Viehzüchter-Kooperativen zusammentun – in der Südgobi gibt es mittlerweile über 80 davon, sie unterhalten sogar eine eigene Zeitung –, werden die Jurten für Umzüge neuerdings auf Jeeps oder Motorräder mit Anhänger verladen. Anderswo erledigen das nach wie vor Kamele.

Fakt ist, dass auf dem Land immer noch die nomadische Lebensform vorherrscht. Das muss auch so sein, weil es andernfalls leicht zu Überweidung kommt. Ein Ger kann von einer 4- bis 6-köpfigen Familie in deutlich weniger als einer Stunde zerlegt und auch wieder aufgebaut werden. Alle paar Kilometer taucht eines dieser runden Filzzelte auf. Im weiten Umkreis weiden Pferde, Kamele, Yaks, Schafe, Ziegen. Die überwältigende Gastfreundschaft der Mongolen empfängt den Reisenden, der sich Zeit nimmt, mit einem weichen Lager auf Tierfellen oder Filzteppichen. Dort bekommt er vergorene Stutenmilch, Airag genannt, oder eine Schale mit salzigem Milchtee, der in seiner kräftigenden Wirkung an Brühe erinnert.

Nach wie vor bestimmt die Jurte maßgeblich das Orientierungssystem der Mongolen. So kennen sie kein anderes Wort für Osten und Westen als links und rechts, ausgehend vom Platz des Ehrengastes, der immer zur Tür des Gers schaut, also nach Süden. Und weil die Ausrichtung der Rundzelte immer dieselbe ist, weiß ein Mongole auch stets, wie spät es ist. Dazu muss er nur den Einfall des Tageslichts durch die Rauchöffnung im Dach prüfen, die ihm bei klarem Wetter zugleich als Sonnenuhr dient.


Den Höhepunkt des Jahres markiert das Naadam-Fest im Juli, das mindestens auf Dschingis Khan zurückgeht und im ganzen Land gefeiert wird. Ursprünglich war es eine Art Militärmanöver, bei dem die Krieger zeigten, was sie konnten. Heute erinnert der Termin des zentralen Staats-Naadam an die kommunistische Revolution von 1921. Die dort ausgetragenen Wettkämpfe bescheren ihren Siegern höchsten nationalen Ruhm. Im Fall des gewaltigen Pferderennens, bei dem oft mehrere Hundert Pferde über die Steppe donnern, fällt dieser Ruhm vor allem den Züchtern zu, während die Jockeys – allesamt Kinder – nur vorübergehend im Rampenlicht stehen. Die wahren Popstars jedoch sind die Spitzenringer, die sich alljährlich gegen über 1000 Konkurrenten durchsetzen müssen und denen es auch schon mal passieren kann, dass sich ein Kampf über mehrere Stunden hinzieht. Wie sehr sich diese Mühe lohnt, zeigt der Umstand, dass manche dieser mongolischen Ausnahmeathleten später Karriere als Sumo-Ringer in Japan machen.


Auch andere machen neuerdings im Ausland von sich reden. Gemeint sind langbeinige mongolische Models und junge Designer, die die kulturellen und historischen Traditionen des Landes in zeitgemäße Mode übersetzen. Ein repräsentativer Ausschnitt dieser kreativen Szene ist derzeit in den Galerien des Instituts für Auslandsbeziehungen in Berlin bzw. Stuttgart zu sehen. Die Ausstellung "abgesteppt – Mode made in Mongolia" stellt einige der führenden Designerinnen und Designer der Mongolei vor (http://cms.ifa.de/?id=3174).

Der kurze Überblick führt vor Augen, wie weit der Bogen zwischen Tradition und Moderne in der heutigen Mongolei gespannt ist. Das spiegelt auch die NOMAD-Expedition. Dazu kommt eine Landschaft, die ihre größte Wucht entwickelt, wenn sie scheinbar ganz weit und leer ist – eine Kargheit, die sich jeder Beschreibung entzieht. Oder doch nicht? „Die Sonne“, schreibt Fritz Mühlenweg, „sank langsam; es war herrlich wie am ersten Schöpfungstag. Eine fürchterliche Kälte machte sich breit. Die Erde war wüst und leer und grau, und die Sonne färbte sich rot. Wir waren noch keine zehn Minuten unterwegs, als sie den Horizont berührte.“ (http://literaturwelt.de/wandler/w17_7.html, Zitat aus dem Buch „Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit“, Verlag Die Libelle, CH-Bottighofen, 1992)

 

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