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Reisen im Jemen: Eine Lageeinschätzung

Die Sicherheitslage im Jemen wird derzeit in zweierlei Hinsicht beeinträchtigt. Traditionelle Stammeskonflikte führten in der Vergangenheit wiederholt zu Entführungen ausländischer Reisender mit dem Ziel, Druck auf die Regierung in Sana’ auszuüben. Diese Kidnappings gingen für die Betroffenen stets unblutig aus. Seit wenigen Jahren kristallisiert sich jedoch eine neue und besonders brutale Form der Gewalt gegen Ausländer heraus. Sie geht von islamistischen Splittergruppen aus, die ihre Rückzugsorte im südjemenitischen Verwaltungsbezirk Abyan und besonders im Hadramawt haben, wo sie u. a. von der Grauzone des Machtvakuums im schwer kontrollierbaren Grenzgebiet des Jemen zu Saudi-Arabien  profitieren.

Das Dilemma besteht darin, dass die demokratische Legitimität, die die Zentralgewalt in Sana’ für sich beansprucht, nicht von allen gesellschaftlichen Gruppen geteilt wird. So treibt der Zorn gegen die soziale, politische und wirtschaftliche Ausgrenzung durch den Norden die Menschen im Süden des Landes immer häufiger auf die Straße. Die Regierung in Sana’ sieht separatistische Kräfte am Werk und reagierte im Vorfeld des Jahrestages zum Gedenken an das Ende des blutigen Bürgerkriegs zwischen Nord- und Südjemen vor 15 Jahren mit einer Verhaftungswelle gegen Oppositionsanhänger. Bei Demonstrationen in Dale, Abyan und Aden wird regelmäßig von der Armee scharf geschossen und es gibt vereinzelt Tote. Hin und wieder ist dann die Straße Aden-Mukalla ganztägig gesperrt.

Doch auch in den nördlichen Stammesgebieten wird die Autorität der Regierung in Frage gestellt. Seit mehreren Jahren schwelt dort mit wechselnder Intensität der Konflikt mit den schiitischen Saidi, die nach ihrem Anführer Abd al-Malik Al-Huthi auch als Huthi-Rebellen bezeichnet werden. Überhaupt sind es vor allem die Regionen mit ausgeprägten Stammesstrukturen, die Sana’ immer wieder Paroli bieten. Dazu zählen die Provinzen Ma’rib, Hadramawt, Shabwa, Sa’dah, Djawf und al-Mahrah.

Die Schwäche der zentralen Staatsgewalt zieht seit einiger Zeit auch Terroristen aus dem Ausland an. Das hat u. a. damit zu tun, dass die islamistischen Basen in Pakistan und Irak zunehmend unter Druck geraten und die Kämpfer andernorts Zuflucht suchen. Nach der Einschätzung eines jemenitischen al-Qaida-Experten ist die Struktur der jemenitischen al-Qaida eher informell: Jeder kann sich selber zum Glaubenskrieger ernennen und auf eigene Faust handeln. Das macht die Täter unberechenbar.

Doch weder die internen Probleme des Jemen noch das Einsickern extremistischer Kräfte von außen machen das südarabische Land zwangsläufig manövrierunfähig. Die australische Politikwissenschaftlerin Sarah Phillips, die die politische Entwicklung im Jemen seit Jahren verfolgt, äußerte Ende Juni gegenüber dem Deutschlandfunk: „"Die Kontrolle der Zentralregierung über das gesamte Land war nie sehr ausgeprägt. Es gab immer Regionen, die zwar nicht offiziell, aber de facto relativ autonom geblieben sind, vor allem, wenn es um ihre Ressourcen ging. Es wäre falsch zu sagen, der jemenitische Staat war stark und jetzt zerfällt er. Aber die Fragmentierung wird immer stärker politisiert."

Abdelkarim al-Iryani, ehemaliger Premierminister und derzeit Berater von Präsident Ali Abdullah Saleh, macht – ebenfalls im Deutschlandfunk – vor allem die Wirtschaftskrise für die zunehmenden Probleme des Landes verantwortlich: „"Einige mögen das nicht gerne hören, aber ich denke, das Wirtschaftsproblem verschärft die Krise im Süden und sie bedroht den Norden. Die Klagen der Leute gründen sich in erster Linie auf den Mangel an wirtschaftlicher Entwicklung." Zum Thema Terrorismus sagt er an gleicher Stelle: „Armut ist der Zwillingsbruder des Terrorismus' im Jemen. In anderen Ländern kommen die Terroristen aus der Mittelklasse. Aber im Jemen ist es eine Frage der Armut, denn eine Mitgliedschaft bei al-Qaida garantiert ein attraktives Gehalt“. (Die Zitate sind dem Deutschlandfunk-Beitrag „Angst vor dem Zerfall“ von Birgit Kaspar entnommen: www.dradio.de/dlf/sendungen/einewelt/985609).

Die folgende Analyse legt ihren Schwerpunkt auf die internen Auseinandersetzungen und untersucht im Wesentlichen Ursachen und Hintergründe der jemenitischen Stammeskonflikte. Islamistisch motivierte Gewalt dagegen ist eine äußerst komplexe Erscheinung, deren Wurzeln außerhalb des Jemen liegen und die sich im gegebenen Rahmen einer fundierten Bewertung entzieht.

Entführungen im Jemen sind kein Naturgesetz

Die nordjemenitische Gesellschaftsstruktur ist seit Jahrtausenden durch die Stämme geprägt. Auch nach der Einheit des Jemen leben diese Traditionen im Nordjemen weiter und werden teilweise in Regionen des südlichen Jemen „exportiert“. Das Leben innerhalb dieser Stammesgesellschaft folgt strengen, meist nur mündlich überlieferten Gesetzen, deren Durchsetzung einfach ist: Diejenigen, die die Gesetze nicht befolgen, riskieren es, aus dem Stammesverband ausgeschlossen zu werden. Außerhalb des Stammes ist ein Überleben kaum möglich, da nur der Verband Schutz gewähren kann.

Stammesstreitigkeiten im Jemen, bei denen es meist um Landbesitz, Brunnenrechte oder Tötungsdelikte geht, werden seit Jahrhunderten durch den Austausch von Geiseln friedlich beigelegt: Die betroffenen Stämme stellen einem unabhängigen Gericht (oder sich gegenseitig) Geiseln – zumeist Söhne und nahe Angehörige der Stammesoberhäupter – und sichern sich so gegenseitige Friedenspflicht zu, bis der Streit beigelegt ist.

Im vergangenen Jahrzehnt haben die Stämme einzelner, bestimmter Regionen das Mittel der Geiselnahme aber auch dazu genutzt, um der Regierung Zusagen für Infrastrukturmaßnahmen (Straßen, Schulen, Krankenhäuser etc) abzuringen oder durchzusetzen, dass versprochene Maßnahmen endlich in die Tat umgesetzt werden.

Denn im Verständnis der Stämme dieser Regionen ist die Zentralregierung nicht etwa der legitime Vertreter aller JemenitInnen, sondern eine Organisation, die dieselben Rechte und Pflichten wie ein Stamm hat. Die Stämme sehen sich also auf einer Ebene mit dem jemenitischen Staat. Andersherum vertritt der jemenitische Staat natürlich die Ansicht, dass er alleine das Recht auf Legislative (Parlament), Exekutive (Regierung) und Judikative (Gerichtsbarkeit) hat. Im Umgang mit dem Staat wenden die Stämme dieselben Mittel an, die sie seit Jahrhunderten untereinander gebrauchen, während der Staat seinerseits versucht, seine Macht mit den Mitteln der Exekutive (hier zumeist Polizei und Militär) durchzusetzen. Hinzu kommt, dass der Regierung durch wesentlich geringere Öleinnahmen weniger Geld zur Verfügung steht, um sich gegebenenfalls die Unterstützung der starken Stämme zu erkaufen.

Die Gebiete, in denen die Stämme solche Alleinvertretungsansprüche haben und die Regierung faktisch nicht anerkennen, sind die Provinzen Sa’dah, Amran, Djawf, Marib und Shabwa (speziell in Sa’dah geht es wohl auch um eine gefühlte mangelnde Partizipation der schiitischen Saidi, die als religiöse Minderheit mehr Anerkennung fordern). Nur in diesen Provinzen kommt es zu entsprechenden Konflikten mit der Regierung und nur hier ist es folglich zu Entführungsfällen von AusländerInnen gekommen. Es gibt zwei Ausnahmen von dieser Regel: den Entführungsfall von Motorradtouristen 1997 und die Entführung von 16 Ausländern in der Gegend von Aden 1998. Im ersten Fall waren die Touristen ohne Beduinenguide unterwegs, im zweiten Fall hatte die Entführung einen klar terroristischen Hintergrund: Die Täter lebten in Großbritannien und waren nur für die Entführung in den Jemen eingereist.

Terroristische bzw. islamistische Motive waren auch für den Anschlag auf Reisende in Marib im Sommer 2007 und im Wadi Daw’an Anfang 2008 und zuletzt in Shibam im Hadramawt verantwortlich. Stammesinteressen spielten dabei keinerlei Rolle. Bis dato hatte das Hadramawt keine gewalttätigen Übergriffe zu verzeichnen. Auch der zentrale und südliche Bergjemen blieb bis heute von Entführungen und terroristischen Überfällen verschont.

Die Hintergründe der jüngsten Entführung vom 12. Juni in der Provinz Sa’dah im Nordwesten des Jemen sind nach wie vor ungeklärt. Betroffen war eine neunköpfige Gruppe von Entwicklungshelfern. Drei der Entführten, zwei junge Frauen aus Deutschland und eine Koreanerin, wurden drei Tage nach dem Kidnapping tot aufgefunden. Über den Verbleib der noch vermissten fünfköpfigen Familie aus Sachsen und eines britischen Ingenieurs herrscht Ungewissheit. Bisher hat sich niemand zu der Entführung bekannt. Die von der jemenitischen Regierung zunächst verdächtigten Huthi-Rebellen weisen jede Verantwortung von sich. Zur Bekräftigung formierten sich am 17. Juni Hunderte von Anhängern al-Huthis in der nordjemenitischen Ortschaft Dhahian zu einem Protestzug, um ihren Abscheu gegen die Ermordung der drei Frauen auszudrücken. Zugleich betonten sie die positive Rolle der ausländischen Helfer.

Die skizzierte Gemengelage ist kompliziert. Dennoch wird deutlich, dass Entführungen im Jemen kein Naturgesetz sind. Dort, wo die Stämme de facto regieren (z.B. Provinzen Marib, Shabwa), kann man sich überdies unter Ausnutzung des althergebrachten Stammesrechtes unter den Schutz eines dieser Stämme stellen.

Dabei gilt, dass ein Vertreter des entsprechenden Stammes als Begleiter ausreicht. Denn sollte dem Begleiter oder einem der Begleiteten ein Unrecht geschehen, so steht der gesamte Stamm für die Wiedergutmachung des Schadens ein. Als „Schutzstamm“ sind bestimmte Stämme aufgrund Ihrer Herkunft und/oder ihrer Macht besonders geeignet. (So vertrauen wir für Querungen der Provinz Marib auf Begleiter des Stammes von Shaikh Nasser, den ich seit vielen Jahren persönlich kenne. Shaikh Nasser leitet seine Autorität unter anderem aus seiner Herkunft von der Familie des Propheten Mohamad her.) Da, wie oben schon ausgeführt, das alte Stammesrecht nach wie vor Bestand hat, wird es von den Stammesmitgliedern nicht verletzt. Das bedeutet, dass Reisegruppen immer dann, wenn sie von einem Stammesmitglied begleitet werden, absolut sicher sind. Umgekehrt gilt: Wer das Stammesgesetz missachtet und ohne Beduinenguide unterwegs ist, handelt grob fahrlässig.

Schlussfolgerungen für Jemenreisen von NOMAD

Bereits seit vielen Jahren bieten wir keine Reisen in das Gebiet der Provinzen Sa’dah, Amran und Djawf mehr an und werden dies auch in der näheren Zukunft nicht tun.

Im Gebiet der Provinzen Marib und Shabwa waren wir, solange die Strecke ins Hadramawt nicht gesperrt war, ohne jede Ausnahme und ohne jede zeitliche Lücke mit einem lokalen Beduinenguide unterwegs. Auch für die Straße von San’a nach Marib haben wir stets einen Beduinenguide in Anspruch genommen, obwohl es auf dieser Route bislang nicht zu Zwischenfällen kam. In der vergangenen Saison haben wir für die Strecke San’a – Sayun/Hadramawt zwischenzeitlich auch auf das Flugzeug zurückgegriffen.

Nun ziehen wir erneut die Konsequenz aus der veränderten Sicherheitslage und verzichten auf absehbare Zeit generell auf Reisen in Gebiete des Jemen, in denen die Regierung nicht die volle Souveränität besitzt. Touren durch den zentralen und südlichen Bergjemen, in die Tihama und nach Suqutra bieten wir jedoch weiterhin an, weil hier die Sicherheit nicht gefährdet ist.

Unsere Fahrer sind übrigens prinzipiell unbewaffnet. Unser Agent untersagt seinen Fahrern das Tragen von Waffen strikt. Zudem kommen die meisten unserer Fahrer aus dem Gebiet bei Ta’iz, in dem die Menschen (ebenso wie im Hadramawt) prinzipiell keine Waffen tragen. Für den sehr unwahrscheinlichen Fall einer Geiselnahme stellen wir also keine Bedrohung für die Geiselnehmer dar, sodass eine Schießerei mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann.

Ich bin davon überzeugt, dass Sie unter Beachtung der genannten Vorgaben sicher im Jemen reisen können und dass wir kein Risiko eingehen. Nicht umsonst haben wir bei keiner unserer zahlreichen Jemenreisen seit 1993 auch nur eine einzige kritische Situation erleben müssen – und dies auch in den Jahren, in denen Entführungen fast an der Tagesordnung waren. Dies führe ich vor allem auf unsere umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen und unsere vorsichtige Handlungsweise zurück, die stets mindestens den Empfehlungen des Auswärtigen Amtes entsprochen hat.

Informationen: Unsere Jemenreisen finden Sie unter www.nomad-reisen.de/suchergebnisse/suchergebnisse.php?klid=97&ownkat=154. Bitte beachten Sie, dass aus Sicherheitsgründen lediglich die Touren „Temethel“, „Djibal al-Khadra“ und die Verlängerungsreise „Grüner Bergjemen“ weiterhin ohne Einschränkung buchbar sind. Die kombinierten Jemen-Omanreisen „Saba & Sindbad“ bzw. – in umgekehrter Reihenfolge – „Sindbad & Saba“ sollen nach Möglichkeit ebenfalls im Programm bleiben. Allerdings ist es dafür erforderlich, dass wir auf diesen Routen die Strecke zwischen San’a und der südomanischen Küstenstadt Salalah in Flugzeugen der jemenitischen Regionallinie Felix Airways, um so den Jementeil der Reise auf die sicheren Regionen beschränken zu können. Sollte es der Flugfahrplan erlauben, steuern wir eventuell zusätzlich Suqutra an und machen damit die umfassende Reise durch Südarabien komplett. Felix Airways hat die genannten Flugverbindungen bereits angekündigt. Wir hoffen daher auf eine rasche Umsetzung.

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