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Länderkarte Mauretanien

Als letztes Land der Welt hat Mauretanien am 8. August 2007 die Sklaverei unter Strafe gestellt. Das ist für viele eine überraschende Nachricht. Außenstehende fragen sich erstaunt, wie es möglich war, dass das westafrikanische Land überhaupt noch Sklavenhaltung praktizierte. In Mauretanien selbst dagegen hätten wohl die wenigsten damit gerechnet, dass die neue Regierung dieses heiße Eisen ernsthaft anpackt, erst recht nicht so kurz nach den Wahlen.

Der spektakuläre Parlamentsbeschluss fügt sich in eine politische Entwicklung, die in geringen Abständen für immer neue positive Schlagzeilen sorgte. Den Anstoß dazu gab der Sturz des langjährigen Diktators Oberst Maaouya Ould Sid'Ahmed Taya durch einen unblutigen Militärputsch im August 2005. Die Macht übernahm ein „Militärrat für Gerechtigkeit und Demokratie“, der ankündigte, innerhalb von zwei Jahren demokratische Verhältnisse herzustellen. Eine Übergangsregierung klopfte daraufhin während so genannter „Tage der nationalen Beratung“, an denen auch Vertreter der Oppositionsparteien und der Zivilgesellschaft beteiligt waren, einen Fahrplan für die Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung fest. Der folgende Wahlprozess aus Verfassungsreferendum, Parlaments- und Kommunalwahlen gipfelte im März 2007 in Präsidentschaftswahlen, die Mitglieder des Militärrats sowie der Übergangsregierung ausdrücklich von der Kandidatur ausschloss. In der entscheidenden Stichwahl setzte sich der Volkswirtschaftler Sidi Mohamed Ould Cheikh Abdallahi durch. Seine Amtseinführung am 19.04.2007 besiegelte den ersten Machtwechsel in der Geschichte des Landes, der nicht durch einen Putsch herbeigeführt wurde.


Die Putschisten hatten also Wort gehalten. Dennoch gab es auch kritische Stimmen. Zwar bescheinigten EU-Wahlbeobachter der Wahl Cheikh Abdallahis einen fairen und ordnungsgemäßen Verlauf, doch hat das Oppositionsbündnis »Sammlungsbewegung Demokratischer Kräfte« (RFD) die Militärregierung beschuldigt, eine „offene Kampagne für einen Kandidaten“ zu betreiben. Ein Name wird nicht genannt. Es liegt jedoch auf der Hand, dass Cheikh Abdallahi gemeint war, da die RFD den in der Stichwahl schließlich unterlegenen Gegenkandidaten unterstützte.

Die politische Biografie des neuen Präsidenten ist weitgehend sauber. Ould Taya diente er zunächst als Minister für Energie und Fischerei, bevor er sich mit seinem Dienstherrn überwarf, 1989 nach Niger ins Exil ging und erst 2003 in die Heimat zurückkehrte. Vorzuwerfen ist ihm, dass er als Fischereiminister nicht gegen die gerade in diesem Ressort weit verbreitete Korruption vorging. So war es unter Ould Taya gängige Praxis, dass die Machtelite aus hochrangigen Funktionären und loyalen Stammesführern den Erlös der lukrativen Fischereilizenzen untereinander aufteilte. Auch die EU profitierte davon. Erst im Juli 2006 schloss sie mit Mauretanien das nach eigenen Angaben „wichtigste Fischereiabkommen überhaupt“ ab, das eine entsprechende Vereinbarung von 2001 fortführt. Gegen eine Zahlung von jährlich 86 Millionen Euro erlaubt es rund 200 europäischen Schiffen, für die Dauer von sechs Jahren in mauretanischen Gewässern zu fischen. Ergebnis der freizügigen mauretanischen Lizenzvergabe ist ein starker Rückgang der Fischfangerträge in der westafrikanischen Meeresregion zwischen Mauretanien und Sierra Leone. Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) gelten 35 Prozent der Bestände als eindeutig überfischt, erschöpft oder von Überfischung akut bedroht.


Das nun erlassene Anti-Sklavereigesetz legt nahe, dass Cheikh Abdallahi gewillt ist, auch auf schwierigen Politikfeldern Initiative zu zeigen. Bereits seit 1981 ist Sklavenhaltung in Mauretanien offiziell verboten, doch in der Praxis hatte das keinerlei strafrechtliche Auswirkungen. Jetzt drohen bei Zuwiderhandlung bis zu zehn Jahren Gefängnis.

Das ist ein echter Durchbruch, auch wenn Kritiker monieren, dass das Gesetz nicht die Auflösung bestehender Sklavereiverhältnisse verfügt. Von einer Sklavenbefreiung im Wortsinne kann also nicht die Rede sein. Die aber wäre kurzfristig ohnehin kaum umsetzbar, da die Sklaverei in Mauretanien sehr tiefe Wurzeln und überdies viele Gesichter hat.

Das hat in erster Linie mit der Bevölkerungsstruktur zu tun. Ethnische Zusammensetzung und geographische Lage bescheren Mauretanien eine Brückenfunktion zwischen dem arabischen Norden und dem schwarzafrikanischen Süden des Kontinents. Die politische und wirtschaftliche Macht liegt seit jeher in den Händen der hellhäutigen, stark von der arabischen Kultur geprägten Mauren. Sie machen etwa ein Drittel der gut drei Millionen zählenden Gesamtbevölkerung aus. Die beiden restlichen Drittel verteilen sich zu gleichen Teilen auf die Haratin genannten schwarzafrikanischen Nachkommen freigelassener Sklaven sowie auf die Angehörigen der übrigen schwarzafrikanischen Völker der Toucouleur, Sarakolé, Wolof und Peul, die auch im südlichen Nachbarland Senegal ansässig sind.

Die Sklaven rekrutieren sich fast ausschließlich aus den Haratin, deren Status sich bislang von Generation zu Generation vererbte. Nutznießer sind sowohl die Mauren als auch die vier genannten schwarzafrikanischen Ethnien. Das war schon 1444 so, als portugiesische Händler an der mauretanischen Küste die ersten afrikanischen Sklaven kauften und damit dem späteren transatlantischen Sklavenhandel den Weg bereiteten.


Bis heute ist Sklavenhaltung in Mauretanien selbstverständlich. Menschenrechtler schätzen die Zahl der Betroffenen auf rund 100.000. Viele arbeiten als Haussklaven auf dem Land und verfügen weder über Papiere noch über eigenen Besitz. In den Städten herrscht eher eine verdeckte Form der Ausbeutung vor. Dort arbeiten die Sklaven etwa als Chauffeur, Mechaniker oder Fabrikarbeiter, mitunter auch als Angestellte in der staatlichen Verwaltung. Die Art der Tätigkeit bestimmt der jeweilige Besitzer, der auch den Großteil des Lohns kassiert und ansonsten frei über „sein Eigentum“ verfügt bis hin zum sexuellen Missbrauch.

In der Öffentlichkeit war das bislang ein Tabuthema. Sklaverei, so lautete die offizielle Sprachregelung, existiere nicht, es gebe lediglich freigelassene Sklaven, die Haratin eben, die zum Teil noch bei ihren ehemaligen Herren lebten – aus Gewohnheit oder weil gegenseitig starke, fast familiäre Bindungen existierten.


Mit diesem Tabu hat Cheikh Abdallahi, selbst ein Angehöriger der privilegierten maurischen Oberschicht, nun gebrochen. Das zeugt von Mut und Durchsetzungskraft. "Sklaverei ist der Zustand einer Person, auf die sich ganz oder teilweise die Attribute des Eigentumsrechts erstrecken", stellt das neue Gesetz klipp und klar fest. "Wir sind sehr zufrieden", sagt selbst  Boubacar Ould Mesasoud, Präsident der Menschenrechtsorganisation SOS-Esclaves, der sich wie kein anderer der Abschaffung der „mauretanischen Apartheid“, wie das Phänomen auch schon genannt wurde, verschrieben hat.

Die neue Gesetzeslage wird vor allem zehntausende mauretanischer Flüchtlingen zuversichtlicher stimmen, die in Mali und vor allem im Senegal im Exil leben. Sie sind Opfer wechselseitiger Pogrome an Mauren im Senegal und an Senegalesen und schwarzen Mauretaniern in Mauretanien. Das ist nun 18 Jahre her. Ende Juni hat die mauretanische Regierung das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) um Unterstützung bei der Wiedereinbürgerung der Vertriebenen gebeten. Tatsächlich wollen die meisten Flüchtlinge – darunter viele Haratin – in ihre Heimat zurückkehren, doch fürchteten sie bislang, den alten Ressentiments zu begegnen und erneut diskriminiert zu werden. Diese Angst wird durch das Verbot der Sklaverei weniger Nahrung haben.

Zugleich ist das Gesetz die entscheidende Voraussetzung, um Armut und soziale Ungerechtigkeit dauerhaft und effektiv zu bekämpfen. Derzeit beträgt die Analphabetenquote 62 Prozent, das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen liegt unter zwei US-Dollar pro Tag. Zu den ärmsten der Armen gehören die Haratin. Ihnen Zugang zu Bildung und Einkommen zu verschaffen, wird eine der Hauptaufgaben der neuen Regierung sein. Das bedeutet, dass die Machtelite weitere Privilegien abgeben muss. Die Einkünfte aus Fischfang, Eisen- und Goldvorkommen und aus den erst 2001 vor der Küste entdeckten Erdöl- und Gasreserven dürften dann nicht weiter am Staatshaushalt vorbeigeschleust werden. Ein sinnvolles Tourismuskonzept könnte zusätzliche Devisen einbringen.

Der erste Schritt ist getan, die Marschrichtung ist die richtige. Das gibt Anlass zur Hoffnung.

 

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