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Länderkarte Ägypten


HINTERGRÜNDE DES JÜNGSTEN ENTFÜHRUNGSFALLES IN DER OSTSAHARA

„Im September 2008 wurde im Südwesten Ägyptens eine touristische Reisegruppe entführt, der auch fünf Deutsche angehörten. Die Reisegruppe wurde von einer schwer bewaffneten, kriminellen Bande im Grenzgebiet von Ägypten, Sudan, Libyen und Tschad festgehalten. Ein vorhandener polizeilicher Schutz der Reisegruppe war wirkungslos. Weitere Vorfälle dieser Art können nicht ausgeschlossen werden. Von Reisen in diese entlegene Wüstenregion wird daher dringend abgeraten.“

Dieser aktuelle Sicherheitshinweis des Auswärtigen Amtes gilt gleichermaßen für Ägypten, Sudan und Tschad. Tatsächlich kann man den Entführungsfall nicht als rein ägyptische Angelegenheit betrachten. Dagegen spricht schon, dass die Geiseln, wie bald nach ihrer glücklichen Befreiung zu erfahren war, von ihren Entführern über den Sudan auf tschadisches Territorium verschleppt wurden. Das legt den Schluss nahe, dass die Staatsgrenzen der Region für Kidnapper kein Hindernis darstellen und damit auch das Sicherheitsproblem ein grenzübergreifendes ist.

Noch ein Punkt ist für die Analyse der Hintergründe der Entführung bedeutsam: Die Geiselnahme war weder religiös noch politisch motiviert. Demnach ging es den Tätern allein um die Erpressung eines möglichst hohen Lösegelds. Ob und wie viel davon geflossen ist und wer gezahlt hat, bleibt wie so oft nach Touristenentführungen ungewiss.

Klarheit herrscht dagegen über das Ende des Geiseldramas. In verschiedenen Zeitungsinterviews stellte Ibrahim Abdel Rahim, Leiter der NOMAD-Partneragentur Aegyptus Intertravel und eine der Geiseln, klar, dass entgegen anders lautenden Behauptungen keine Spezialeinheiten an der Befreiung beteiligt gewesen seien. Vielmehr ließen die Entführer ihre Geiseln frei, nachdem eine sudanesische Militärpatrouille kurz zuvor sechs der Kidnapper aufgebracht und erschossen hatte. Dies bestätigte laut Medienberichten auch ein hochrangiger deutscher Regierungsvertreter.

Wie aber konnte es überhaupt zu der Entführung kommen? Dass die Sicherheitslage in der ägyptischen Westwüste vor Ort als sensibel eingeschätzt wird, zeigt sich an der lange schon obligatorischen Begleitung touristischer Reisegruppen durch einen ägyptischen Sicherheitsbeamten. Überdies stellte sich nach dem glücklichen Ende der Geiselnahme heraus, dass es in der Region schon vorher gewalttätige Übergriffe auf Touristen gegeben hatte, die jedoch entweder nicht gemeldet oder von der Polizei vertuscht wurden.

Die Ursachen für die zunehmende Gewalt und Unsicherheit in der Ostsahara erweisen sich als ausgesprochen komplex. Zwei wesentliche Merkmale sind dabei maßgeblich. So mangelt es einerseits an einer effektiven zwischenstaatlichen Kooperation, die sich beispielsweise in der Einrichtung eines grenzübergreifenden Naturschutzgebiets sinnvoll entfalten könnte. Andererseits leidet die Wüstenregion aufgrund ihrer Randlage unter anhaltender wirtschaftlicher und sozialer Vernachlässigung durch die betreffenden Zentralregierungen. Im Fall Sudans ist darin einer der Hauptauslöser für den blutigen Bürgerkrieg in der Provinz Darfur zu sehen. Alle drei Aspekte sollen im Folgenden näher betrachtet werden.

1. Mangelnde zwischenstaatliche Kooperation am Beispiel der Nationalpark-Idee

1975 fordert eine Studie im Auftrag des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) zur Desertifikation des semiariden Sahelgürtels erstmals die Einrichtung eines Nationalparks im Nordwesten des Sudan. Es handelt sich dabei um eine Region, die im Wesentlichen den Norden der Provinz Darfur umfasst und den Nachbarländern Tschad, Libyen und Ägypten näher liegt als der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Die Nationalpark-Idee, der es in erster Linie um den Schutz der gefährdeten Tier- und Pflanzenwelt geht, bleibt ungehört. Knapp 20 Jahre später greift der Geograf und Geoarchäologe Stefan Kröpelin die Idee auf. Er ist Mitglied des Heinrich-Barth-Instituts, einer Abteilung des Seminars für Ur- und Frühgeschichte an der Universität zu Köln. Seine zahlreichen mehrmonatigen Forschungsexpeditionen zur Klima- und Besiedlungsgeschichte der Sahara, die er seit 1980 nach Ägypten, in den Sudan und in den Tschad unternommen hat, machen ihn zu einem intimen Kenner der Region. 1993 schlägt er die Schaffung eines Geo-Biosphären-Reservats im Bereich des Wadi Howar vor. Dieses bis vor etwa 3000 Jahren noch Wasser führende ehemalige Zuflusstal des Nil durchläuft sowohl Sahel- als auch Saharalandschaften. Als Begründung für die Schutzbedürftigkeit des Gebiets nennt Stefan Kröpelin neben Flora und Fauna den außergewöhnlichen Reichtum an steinzeitlichen archäologischen Zeugnissen, die von Felszeichnungen über Grabhügel bis hin zu Wassersammelstellen reichen.

Sein Engagement trägt Früchte: Im Juli 2001 proklamiert die sudanesische Regierung die Gründung des Wadi Howar National Park. Mit seinen knapp 100.000 Quadratkilometern zählt er zu den größten Nationalparks weltweit. Seit 2004 steht er als potentielles Weltkulturerbe auf der Vorschlagsliste der UNESCO. Einen effektiven Schutz für das natürliche und kulturelle Erbe des Nord-Sudan bedeutet dies allerdings nicht, da der Nationalpark als Renommierobjekt bislang nur auf dem Papier existiert.

Ähnliches gilt für den Nationalpark Gilf Kebir/ Djabal ‘Uwaynat, den die ägyptische Regierung im Januar 2007 ausruft. Erst danach startet eine interdisziplinäre Expedition in die Wüste, um notwendige Schutzmaßnahmen und die Grundlagen für einen Managementplan zu ermitteln. Beteiligt ist einmal mehr das Kölner Heinrich-Barth-Institut, das auch in diesem Fall viele Jahre zuvor den Anstoß zur Gründung des Nationalparks gegeben hatte. Das Schutzgebiet, so die zuständige ägyptische Behörde, könne einmal Teil eines grenzüberschreitenden Projekts in Zusammenarbeit mit Libyen und dem Sudan werden.

Der Vorschlag nimmt Bezug auf einen Workshop, den das Welterbezentrum der UNESCO 2004 in Libyen veranstaltete. Thema: das Gebirgsmassiv des Djabal ‘Uwaynat. Dieser gewaltige, an steinzeitlichen Felszeichnungen reiche Inselberg erhebt sich genau auf dem Dreiländereck zwischen Ägypten, Sudan und Libyen und besitzt sowohl in geologischer als auch in ökologischer und archäologischer Hinsicht herausragende Bedeutung. Ziel des Workshops war es zu prüfen, welche Schritte notwendig sind, um ein übernationales Schutzgebiet zu realisieren und den Djabal ‘Uwaynat auf die Vorschlagsliste potentieller UNESCO-Welterbestätten zu setzen. Allein das Zustandekommen dieses Arbeitstreffens, an dem Vertreter aller drei Anrainerstaaten sowie Rudolph Kuper, Stefan Kröpelin und Frank Darius vom Heinrich-Barth-Institut teilnahmen, ist als Erfolg zu werten. Zugleich zeigt die Weigerung der ägyptischen Behörden, den Workshop-Mitgliedern anlässlich einer dreitägigen Ortsbesichtigung den Zugang zum Djabal ‘Uwaynat von Ägypten aus zu gestatten, wie schwierig die zwischenstaatliche Kooperation in der Ostsahara selbst in kleinstem Rahmen ist.

Dies äußerte sich auch in den offiziellen Verlautbarungen hinsichtlich der jüngsten Entführung. Statt eines gemeinsamen Krisenmanagements gab es über den Verbleib der Reisegruppe viel Widersprüchliches zu hören. Dass dennoch alle Geiseln überlebt haben, ist v. a. deren besonnenem Verhalten zu danken.

2. Wirtschaftliche und soziale Vernachlässigung

Grenzgebiete sind strukturell benachteiligt. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Beziehungen zu den jeweiligen Nachbarstaaten nicht störungsfrei funktionieren. Im Fall des Dreiländerecks um den Djabal ‘Uwaynat kommt hinzu, dass die Grenzregion aus Sicht der jeweiligen Hauptstädte nicht nur extrem abgelegen, sondern wirtschaftlich unattraktiv ist. Bodenschätze wurden – zumindest bislang – nicht entdeckt und das Wüstenklima macht jede dauerhafte Besiedlung unmöglich.

Dennoch ist der Djabal ‘Uwaynat nicht gänzlich unbewohnt. Als Grenzposten dreier Staaten beherbergt er eine wechselnde Besatzung von 20-30 Polizisten, Sicherheitsbeamten und Soldaten. Überdies befindet sich hier die einzige Wasserstelle im Umkreis von Hunderten von Kilometern. Entsprechend legen alle Transportfahrzeuge und Karawanen, die bis heute den uralten Warenverkehr zwischen den libyschen Kufra-Oasen und Dongola bzw. Al Fashar im Sudan aufrecht erhalten, am Djabal ‘Uwaynat eine Versorgungspause ein.

Auch Touristen in Geländewagen halten sich Im Grenzgebiet auf. Sie meiden in der Regel die Pisten und bewegen sich beiderseits der libysch-ägyptischen Grenze – je nachdem, ob sie von Tripolis oder Kairo anreisen. Ähnlich abseits halten sich die Wilderer, die besonders in der Gegend um den Djabal ‘Uwaynat unterwegs sind. Davon zeugen Kadaver von Mähnenschafen und Gazellen – Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind. Die Präsenz der Grenzsoldaten scheint die illegalen Jäger nicht abzuschrecken.

Letzteres ist ein Indiz dafür, dass die wenigen fest stationierten Sicherheitskräfte mit der Kontrolle des riesigen und verkehrsmäßig unerschlossenen Grenzgebiets überfordert sind. Zwar hat die Armee laut Aussage unseres Agenten in Reaktion auf die jüngste Entführung Grenzstützpunkte eingerichtet, doch werden auch die eine lückenlose Überwachung nicht gewährleisten können. Das macht die Region zu einem willkommenen Operationsgebiet für kriminelle Banden, die es in erster Linie auf Touristen abgesehen haben. Für Überfälle bietet das Gelände günstige Voraussetzungen. So ist das Karkur Talh oder "Akaziental" im Djabal ‘Uwaynat, das wegen seiner Felsmalereien zu den Hauptsehenswürdigkeiten zählt, in strategischer Hinsicht eine ideale Falle.

In Bezug auf die jüngste Geiselnahme bezeichnet Ibrahim Abdel Rahim die Entführer in einem Presseinterview als „Arbeitslose in schmutziger Armeeuniform aus dem Tschad, naiv und nicht organisiert“. Offenbar waren auch Halbwüchsige darunter. Stefan Kröpelin vermutet aufgrund des unblutigen Ausgangs sudanesische Kidnapper, da diese im Gegensatz zu Entführern aus dem Tschad ausländische Geiseln in der Regel am Leben ließen. Ohne Frage handelt es sich um Menschen, die im Vergleich zu den Entführten wenig oder gar nichts besitzen und mangels regulärer Beschäftigungsmöglichkeiten in einer Geiselnahme eine Gelegenheit erblicken, zu Geld zu kommen.

Diese Problematik kann nicht losgelöst von den Ereignissen in der sudanesischen Provinz Darfur gesehen werden. Im Folgenden soll es v. a. darum gehen, eine Reihe von stereotypen Sichtweisen zu hinterfragen, die einen Großteil der sudanesischen Bevölkerung kriminalisieren und überdies dazu beitragen, den Blick auf die überregionalen Zusammenhänge des Konflikts zu verstellen.

3. Die Rolle des Darfur-Konflikts

Am 14. Juli 2008 beantragt Chefankläger Luis Moreno Ocampo beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag Haftbefehl gegen Sudans amtierenden Präsidenten Omar al-Bashir. Die Anklage lautet auf Völkermord, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Bürgerkriegsprovinz Darfur. Damit, so scheint es, wird der eigentliche Urheber des Darfur-Konflikts an den Pranger der Weltöffentlichkeit gestellt.

Die sudanesische Provinz Darfur grenzt im Süden an die Zentralafrikanische Republik, im Westen an den Tschad und im Norden an Libyen. Von Ägypten trennt sie die ebenfalls nördlich gelegene unbewohnte Selima-Sandebene. Der Bürgerkrieg hat längst die Grenze zum Tschad überschritten und entwickelt sich zum Unsicherheitsfaktor für die gesamte Ostsahara-Region. Orchestriert wird der brutale Konflikt von einer internationalen Berichterstattung, deren Begrifflichkeit angesichts der rasant eskalierenden Gewalt ebenfalls zur Eskalation neigt. Bereits im November 2003 spricht ein BBC-Bericht erstmals von „ethnischen Säuberungen“. Ein knappes Jahr später führt der damalige US-Außenminister Colin Powell den Begriff „Genozid“ ein. Seitdem steht der Name Darfur für blanken Horror, kaltblütigen Völkermord und Tod und Vertreibung apokalyptischen Ausmaßes. Die Zahlen, die die Medien weltweit in seltener Einmütigkeit nennen, klingen in der Tat monströs: Mehr als 200.000 Tote habe der Bürgerkrieg bislang gefordert, bis zu 2,5 Millionen Menschen seien entwurzelt und in die Flucht getrieben worden. Die US-Regierung, die Vereinten Nationen, die Europäische Union, Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Bürgerbewegungen wie Save Darfur, zu deren Unterstützern auch namhafte Hollywoodgrößen zählen – sie alle machen für die Gräueltaten eine unheilige Koalition aus sudanesischer Armee und Djandjawid genannten paramilitärischen Reitermilizen verantwortlich. Diese, so die Anklage, setzten in ihrer Eigenschaft als „islamistische Araber“ alles daran, die „schwarzafrikanischen Völker“ Darfurs auszumerzen.

Richtig ist, dass die Regierung in Khartum die Djandjawid instrumentalisiert, wie sie es auch im mittlerweile beendeten Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südsudan praktiziert hat. Richtig ist, dass sich Djandjawid und sudanesisches Militär wahlloser Tötungen, der Zerstörung und Brandschatzung ganzer Dörfer, der Vernichtung von Ernten sowie systematischer Vergewaltigungen und sexueller Übergriffe schuldig gemacht hat. Richtig ist aber auch, dass die Gewalt in Darfur keineswegs allein von Regierungsseite ausgeht und dass es die Rebellenführer Abdel Whaid An-Nur von der Sudan Liberation Army (SLA) und Khalil Ibrahim von der Justice and Equality Movement (JEM) waren, die im Mai 2006 die bislang aussichtsreichsten Friedensverhandlungen platzen ließen. Richtig ist überdies, dass die Unterscheidung von Schwarzafrikanern und Arabern im Sudan nicht greift, weil alle Menschen dunkelhäutig sind. Ebenso richtig ist, dass gerade die so genannten afrikanischen Stämme Darfurs – die Fur, Masalit und Zaghawa – weithin bekannt sind für ihre muslimische Frömmigkeit und dass nicht die Regierung und ihre Verbündeten, sondern die JEM als Sammelbecken radikalislamischer Kräfte gilt. Richtig ist ferner, dass eine UN-Untersuchungskommission bereits im Januar 2005 zu dem Schluss kam, dass die Gewaltanwendung in Darfur nicht die Merkmale eines Völkermords trage. Richtig ist schließlich, dass – anders als etwa im Kosovo-Konflikt – die Zahl der Kriegstoten nie durch die Aufdeckung von Massengräbern o. ä. bestätigt wurde.

Es gibt kein einfaches Erklärungsmuster für den Bürgerkrieg in Darfur und schon gar keinen Alleinschuldigen. Die Ursachen des Konflikts liegen gut zwei Jahrzehnte zurück und reichen zudem weit über die Grenzen der Provinz hinaus. So ist die Unterscheidung in „Araber“ und „Afrikaner“ rein ideologisch und geht maßgeblich auf den libyschen Staatschef Muammar al-Gadhaffi zurück. Der träumte in den 1980er Jahren von einem „Arabischen Gürtel“ quer durch Afrika und heuerte Tuareg aus der Zentralsahara und Beduinen aus Darfur an, um mit ihrer Hilfe den südlichen Nachbarn Tschad zu erobern. Der Plan misslang, hinterließ aber ein explosives Erbe aus Waffen und einem diffusen arabischen Überlegenheitsgefühl. Hier liegt die Wurzel der Djandjawid-Milizen.

Anlass zu ersten gewalttätigen Auseinandersetzungen in Darfur gaben ökologische Faktoren. Durch die Ausbreitung der Sahara in Richtung Süden wurde das Generationen alte Gleichgewicht zwischen bäuerlicher und nomadischer Kultur empfindlich gestört. Bereits 1987 kam es in Darfur zu ersten heftigen Zusammenstößen zwischen Arabisch sprechenden Beduinen und der bäuerlichen Fur-Bevölkerung. Es ging um Land- und Weiderechte und um den Zugang zu den immer knapper werdenden Wasserressourcen. Verschärft wurde die Krise durch die Politik Khartums. Statt der lange vernachlässigten Provinz durch Bildungs- und Gesundheitsmaßnahmen unter die Arme zu greifen und die öffentliche Sicherheit mit Hilfe ausreichend ausgerüsteter Polizeikräfte wiederherzustellen, versuchte die Regierung die Gewalt durch Bündnisse mit den in der Regel besser bewaffneten Djandjawid-Milizen einzudämmen.

Der Bürgerkrieg brach in jenem Moment aus, als die Verhandlungen zwischen Nord- und Südsudan in ihre entscheidende Phase gingen und die Fur, Masalit und Zaghawa daraus den Schluss zogen, dass Gewalt das einzige Mittel wäre, um sich bei der Zentralregierung Gehör zu verschaffen. Mittlerweile, so scheint es, kämpft in Darfur jeder gegen jeden. Die Fronten zwischen Militär und Djandjawid auf der einen und den Rebellenbewegungen SLA und JEM auf der anderen Seite sind längst verwischt. Zwar sieht Alain Le Roy, stellvertretender Generalsekretär der Vereinten Nationen und Beauftragter für die Friedenserhaltungseinsätze, nach seinem jüngsten Darfur-Besuch im Oktober 2008 Fortschritte bei der Implementierung der gemischten, von den Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union gestellten Friedenstruppe (UNAMID). Zugleich jedoch macht die auf das Konto aller beteiligten Konfliktparteien gehende Zahl von rund 160 Überfällen auf UN-Fahrzeuge allein in diesem Jahr die mangelnde Durchsetzungskraft der internationalen Friedensmission deutlich. Das Übergreifen der Kampfhandlungen und Flüchtlingsströme auf den Tschad verkompliziert die Lage zusätzlich.

Eine gewichtige Rolle spielen überdies die konkurrierenden Ölinteressen Chinas und der USA. China füllt die Lücke, die US-amerikanische Förderfirmen hinterließen, als sie in den 1980er Jahren aufgrund des wieder aufflammenden Bürgerkriegs zwischen dem Norden und dem Süden des Landes Sudan verließen. Heute bezieht China rund acht Prozent seiner Öleinfuhren aus dem Sudan. Die USA und der Westen werfen den Chinesen vor, westliche Sanktionen zu unterlaufen und den Darfur-Konflikt durch wirtschaftliche Investitionen und Waffenlieferungen anzufachen. Diese Anklage ist ebenso doppelbödig wie die hartnäckig aufrechterhaltene Völkermord-Behauptung. So hegen nicht nur afrikanische UN-Diplomaten den Verdacht, dass die US-Regierung damit langfristig auf einen Regimewechsel in Khartum hinarbeitet mit dem Ziel, wieder ins sudanesische Ölgeschäft einzusteigen. Wohl auch deshalb drängte Washington auf ein möglichst robustes UNAMID-Mandat.

Rein militärisch wird sich der Konflikt jedoch nicht beenden lassen. Ein im Juni 2007 veröffentlichter UNEP-Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass ein dauerhafter Frieden in Darfur massive Investitionen in die Verbesserung der Umwelt- und Lebensbedingungen voraussetze. Darfur könnte leicht zum Menetekel werden. Die Warnung lautet: Wer im Zeichen des Klimawandels nicht rechtzeitig auf ökologische Veränderungen reagiert und die betroffenen Regionen sich selbst überlässt, riskiert, in eine Gewaltspirale zu geraten, die immer weitere Kreise zieht.

Der jüngste Entführungsfall in der Ostsahara ist nicht zuletzt in diesem Kontext zu sehen.

Weiterführende Informationen:

Einen der nach wie vor kenntnisreichsten Abrisse der historischen Wurzeln des Darfur-Konflikts liefert der britische Afrika-Wissenschaftler, Publizist und Gründer der Menschenrechtsorganisation Justice Africa, Alex des Waal, in einem Artikel in der Monde Diplomatique vom September 2004 (http://www.eurozine.com/articles/2004-09-14-waal-de.html).

Umfassend und besonders in ethnografischer Hinsicht aufschlussreich ist das Internet-Feature des taz-Autors Peter Mühlbauer vom 11.06.2007 (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25482/1.html).

Stefan Kröpelin hat seine fundierte Kritik am Umgang des Westens mit dem Darfur-Konflikt bereits mehrfach vorgetragen, zuletzt am 06.10.2008 in der schweizerischen Wochenzeitung „Zeit-Fragen“ (http://www.zeit-fragen.ch/ausgaben/2008/nr41-vom-6102008/darfur-zurueck-in-die-wirklichkeit/)

Eine exzellente, von der GTZ im Auftrag des BMZ durchgeführte Studie zu Chinas Engagement in Afrika legten in diesem Jahr Helmut Asche, Professor für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Afrikas am Institut für Afrikanistik der Universität Leipzig, und Margot Schüller, Mitarbeiterin des GIGA-Instituts für Asienstudien in Hamburg, vor (http://www.gigaamburg.de/dl/download.php?d=/content/ias/pdf/studie_chinas_engagement_in_afrika.pdf).

Eine ausführliche juristische Analyse des Haftbefehls gegen Sudans Präsident Al Bashir unternimmt Alexander Nguyen in der Online-Zeitschrift HRRS & Rechtsprechungsdatenbank(http://www.hrr-

strafrecht.de/hrr/archiv/08-08/index.php?sz=9).

Den derzeit aktuellsten Überblick über die Forschungen des Heinrich-Barth-Instituts in der Ostsahara bietet der 2007 erschienene „Atlas of Cultural and Environmental Change in Arid Africa“ (für EUR 45,00 zu beziehen über http://www.uni-koeln.de/sfb389/bookshop/index.htm).



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