Nomad - Reisen zu den Menschen
OMAN | ARABIEN | AFRIKA | ASIEN | INFO | BLOG
06591 / 94 99 80

Wir rufen Sie auch gerne zurück. Bitte hinterlassen Sie uns Ihren Namen und Ihre Telefonnummer.





Oder schreiben Sie uns eine Email:
Mail an Nomad-Reisen >>

i
zurück zur Länderinfo


Die Anwälte des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan hatten klare Anweisungen: Weil der in der Türkei lebende britische Künstler Michael Dickinson Erdogan in einer satirischen Collage als Hund dargestellt hatte, erhoben sie Klage wegen Verunglimpfung.

Beleidigungsprozesse dieser Art sind in der Türkei keine Seltenheit. Sie spiegeln eine Empfindlichkeit, die sich weit in die türkische Geschichte zurückverfolgen lässt und die Betroffenen zu teilweise drastischen Reaktionen hinriss. So hat Sultan Abdülhamit II. (1842 – 1918), wegen seiner enormen Nase zeitlebens ein beliebtes Ziel für den Volksspott, den Gebrauch des Wortes Nase im ganzen Reich kurzerhand unter Strafe gestellt. Das Ergebnis war verheerend, entwickelte sich doch des Sultans Riechorgan fortan zur wichtigsten Waffe der Karikaturisten im Kampf gegen Zensur und Willkürherrschaft.
Heute ist die Lust an der Karikatur fester Bestandteil der politischen Kultur der Türkei – eine im islamischen Kulturkreis einzigartige Praxis. Sie kennzeichnet ein Land, das sich auch in anderer Hinsicht gängigem Schubladendenken entzieht.Der Grund dafür liegt in der besonderen geografischen Lage. Anatolien, auch Kleinasien genannt, ist die Brücke zwischen Orient und Okzident. Nicht umsonst gehörten die kleinasiatischen Küstengebiete mehr als zwei Jahrtausende lang zur griechischen Welt. Unter der Herrschaft Roms wurde seit der Zeitenwende auch das Hochland hellenisiert. Später bildete Anatolien eines der Kerngebiete des byzantinischen Reiches, bis sich dieses unter dem Ansturm der türkischen Seldschuken immer weiter nach Westen zurückziehen musste. Die Osmanen schließlich erzielten 1453 mit der Eroberung der byzantinischen Metropole Konstantinopel einen entscheidenen Sieg auf ihrem Weg zur Großmacht.

Die moderne Türkei steht ganz im Zeichen des noch immer hoch verehrten Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Er verordnete der 1923 gegründeten Republik eine laizistische Verfassung und radikale Reformen mit dem Ziel, aus der Türkei einen Nationalstaat nach europäischem Muster zu formen. Als Wächter dieser Ordnung betrachten sich primär die Militärs, die – wie in der Vergangenheit mehrfach bewiesen – zur Durchsetzung ihrer Interessen auch vor einem Putsch nicht zurückschrecken. Destabilisierend wirkt sich überdies der ungelöste und immer wieder militärisch eskalierende Konflikt mit der kurdischen Minderheit aus.
Die erdrutschartigen Wahlsiege der islamisch-konservativen „Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“ (AKP) haben die politische Landschaft der Republik im frühen 21. Jh. umgekrempelt und die Machtposition der kemalistischen Eliten aufgebrochen. Seit 1999 ist die Türkei offiziell Kandidat für die EU-Vollmitgliedschaft, 2005 wurden direkte Beitrittsverhandlungen aufgenommen. Viele Türken in den Metropolen Istanbul, Izmir und Ankara sind ihrem Selbstverständnis nach schon jetzt viel mehr Europäer als Orientalen. Der Eindruck, in Europa zu sein, verliert sich jedoch rasch, sobald man in das anatolische Hochland reist, das nach wie vor von traditionellen Strukturen geprägt ist. Hier wird deutlich, dass die Türkei nicht nur, wie es häufig heißt, viele Gesichter hat, sondern auch viele widersprüchliche Identitäten in sich vereint. Je nach Standpunkt vertritt das Land auf der Nahtstelle zwischen Asien und Europa eben beides: Orient und Okzident.

Dieses zweigeteilte Bewusstsein liegt letztlich auch dem Streit um die satirische Hundecollage zugrunde. Was dem einen „Majestätsbeleidigung“, ist dem anderen Freiheit der Kunst. Am Ende wurde die Klage übrigens, wie meist in solchen Beleidigungsprozessen, abgewiesen. Die vermeintliche Ehrverletzung, so die Richter, sei als legitime Meinungsäußerung zu werten – eine ebenso weise wie richtige Entscheidung in einem Land, in dem fast jede Zeitung täglich neue Karikaturen in Umlauf bringt.

 

KONTAKT


Mo-Fr 10:00 - 13:00
und 14:00 - 17:30

Tel. 06591/94998-0
Mail an nomad

 



 
mitglieder im haus der spezialisten: nomad (islamische länder von westafrika über arabien bis zentralasien) / viventura (gruppenreisen südamerika) / china tours (china) / travel to nature (mittelamerika) / venter tours (südl. & östl. afrika) / comtour (indien)
-->