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Länderkarte Algerien


Arabisch, Französisch, diverse Dia- und Soziolekte, dazu Berbersprachen wie Tamazight, Kabylisch und Chaouia: Die Aufzählung zeigt, wie polyglott Algerien ist. Die eigentliche Besonderheit liegt jedoch darin, dass die genannten Sprachen nicht nur nebeneinander existieren, sondern auch noch kräftig miteinander vermischt werden. Das Ergebnis heißt Derdja. „Dieses typisch algerische Kauderwelsch leidet unter tausend Übeln; besteht aus nichts als Ausrufen, Lautmalereien, Augenzwinkern, Händegefuchtel, Gossenworten; … rattert von Plattitüde zu Plattitüde, aber verfolgt seinen Weg; noch ist es dabei, den Kontakt zu seiner Amazighität [Berbertum, Anm. d. Ü.] aufzufrischen, sein Arabisch ein bisschen einzufranzen, seine kolonialen Überreste zu arabisieren und das Ganze gut durchzuschütteln, da fängt es schon an, hier und da ein bisschen Airport-English, einige türkische Salam alaikums, Lastenträger-Hindi, Schwarzmarkt-Taiwanesisch und Großbankenhebräisch unterzumischen. Wie weit soll das noch gehen?“*


Das fragt der algerische Schriftsteller Boualem Sansal in seinem 1999 erschienenen und international gefeierten Erstlingsroman „Der Schwur der Barbaren“, dem mittlerweile sogar die Ehre widerfuhr, verfilmt zu werden – nach einem Drehbuch von Jorge Semprun und mit Omar Sharif in der Hauptrolle. Es geht darin um einen Kriminalfall, der schnell zu einer Generalabrechnung mit den algerischen Verhältnissen ausartet – das alles vorgetragen in atemlosem Derdja, dem Idiom der Straße, das längst zum Markenzeichen der Geschichten Sansals geworden ist.

Als kreativ-subversiv bezeichnen Linguisten diese volkstümliche Mischsprache, die auch Frarabe genannt wird und gerade im städtischen Bereich und in der Jugendkultur Fuß gefasst hat. Ihre chaotische Struktur, ihre Ohnmacht und Orientierungslosigkeit spiegeln das Lebensgefühl vieler AlgerierInnen. Zwar sind die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen islamistischen Gewalttätern und dem algerischen Militär seit dem Amtsantritt des amtierenden Präsidenten Abdelaziz Bouteflika im Jahr 1999 Vergangenheit, doch erregt immer noch den Hass religiöser Extremisten, wer wie die Schriftstellerin Leila Marouane angebliche Tabus verletzt und etwa den Abgründen algerischen Frauenlebens nachspürt. In ihrem zuletzt erschienenen Roman, der in den 1970er Jahren spielt, schildert sie in einer an Fellini erinnernden Opulenz der Bilder groteske Jungfräulichkeitstests zur Ehrenrettung der Familie. Sie verfasst ihre Bücher, wie so viele ihrer KollegInnen, aus dem Pariser Exil, das sie 1996 wählte, als sie sich – damals noch Journalistin – massiven islamistischen Drohungen ausgesetzt sah.

„Der Maghreb“, sagt ein arabisches Sprichwort, „ist ein heiliger Vogel. Sein Leib ist Algerien, sein rechter Flügel Tunesien, sein linker Marokko“. Doch der Leib war lange krank und ist immer noch nicht ganz genesen. Algerien hat 2007 ein ganzes Jahr lang mit großem Aufwand Algier als „Hauptstadt der arabischen Kultur 2007" gefeiert. Nach Jahren der Gewalt und der internationalen Isolation war dies ein Versuch, wieder Anschluss an die internationale Kulturszene zu gewinnen. Ohne Zweifel sind derartige Bemühungen um eine Rückkehr zur Normalität ein Zeichen für den Erfolg der nationalen Aussöhnungspolitik des Präsidenten. Dessen ungeachtet ist es Abdelaziz Bouteflika bislang nicht gelungen, das im so genannten Krisenjahrzehnt der 1990er Jahre nachhaltig erschütterte Vertrauen der Bevölkerung in die Politik wiederherzustellen.


Sympathien dürfte ihn auch sein Bildungsprogramm zur Förderung der arabischen Sprache kosten. 96 Prozent der AlgerierInnen leben im Norden des Landes auf einem Fünftel der Staatsfläche. Vielen ist Frankreich näher als die Sahara, die die restlichen vier Fünftel des Landes ausmacht. Verantwortlich für die weit verbreitete Frankophilie ist nicht nur der französische Kulturexport via Musik und Fernsehen, sondern v. a. geschätzte 1,5 Millionen algerische Emigranten auf französischem Boden. Die tragen ihren heimatlichen Argot, das Derdja, nun auch in das Land der einstigen Kolonialherren.


Wie, das beschreibt u. a. Azous Begags autobiografischer Roman „Azouz, der Junge vom Stadtrand“, der den Weg eines algerischen Jungen von der Bretterbudensiedlung am Stadtrand von Lyon in die Mitte der französischen Gesellschaft schildert: „Das Arabisch, das wir bei uns zu Hause reden, würde den Einwohnern Mekkas, dem ersten Pilgerort der Muslime, sicher die Zornesröte ins Gesicht treiben. Zum Beispiel das Wort für Streichhölzer. Das übernehmen wir aus dem Französischen: ‘Les alumettes’ heißen bei uns ‘li zalimite’. Das ist einfach, und jeder versteht es. Oder ein Auto, französisch ‘l’automobile’, heißt ‘la taumobile’, und einen Lappen - ‘le chiffon’ - nennen wir ‘le chiffoun’. Man sieht, es ist eine Art eigener Dialekt, den man leicht verstehen und lernen kann, wenn man ein gutes Ohr dafür hat.“*

Übersetzungen: Regina Keil-Sagawe

 


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